Bremsen: Eine Gratwanderung
Das starke und effektive Abbremsen eines Motorrades zur Vermeidung eines Unfalls zählt zu den schwierigsten Fahrmanövern auf dem Motorrad. Dabei ist gleichgültig, ob eine fröhlich-dynamische oder eine ausgeprägt defensive Fahrweise bevorzugt wird. Von jedem Motorradfahrer kann durch unvorhersehbare Ereignisse in Sekundenbruchteilen maximale Leistung für eine Notbremsung abgefordert werden. Deswegen gilt: Regelmäßiges, konsequentes Üben bietet hohe Gewähr, die Bremsen in Gefahrensituationen richtig zu bedienen. Diese Übungen sollen natürlich nur auf nicht öffentlichem Gelände, am Besten im Rahmen eines Sicherheitstrainings durchführen werden und beginnen mit niedrigen Verzögerungen, die nach und nach gesteigert werden.
Wer die eigene Qualifikation an der Bremse verbessert, wird neben dem Spaß an der professionellen Bedienung des Motorrades ein sicheres und souveränes Fahrgefühl entwickeln.
Bremsbetätigung in zwei Schritten
Auch in Paniksituationen den Bremshebel nicht schlagartig ziehen, sondern anfangs vergleichsweise gefühlvoll aber zügig betätigen. Anderenfalls besteht die Gefahr, das unbelastete Vorderrad zu überbremsen, bevor es überhaupt hohe Bremskräfte übertragen kann. Erst wenn sich die Bremsbeläge voll angelegt haben, der Druckpunkt am Bremshebel klar zu spüren ist, und die erhöhte Vorderradlast den Reifen satt auf den Untergrund drückt, kann der Bremsdruck der Situation angepasst schnell gesteigert werden. Die genannten Abläufe und Beobachtungen immer weiter verinnerlichen und schrittweise beschleunigen, so dass die mehrstufige Bremsenbetätigung zur absoluten Gewohnheit wird.
Konzentration auf die Vorderradbremse
Mit steigender Verzögerung parallel zur Radlastverschiebung nach vorne die Bremskraftverteilung von beiden Bremsen zur Vorderradbremse verlagern. Ein blockierendes Hinterrad trägt meist wenig zur Gesamtverzögerung bei, führt andererseits aber zur Instabilität des Motorrades, die kontrolliert werden muss, und zu erhöhtem Reifenverschleiß. Deswegen sollte ein Hinterradblockieren so gut es geht vermieden werden, auch wenn die volle Aufmerksamkeit der Vorderradbremse gilt.
Kupplung ziehen, Reifenreaktionen beachten
Bei einer Vollbremsung wird selbstverständlich zeitgleich mit der Bremsbetätigung die Kupplung voll gezogen, um das Verzögern des Hinterrades durch das Motorbremsmoment und das Abwürgen des Motors bei niedriger Geschwindigkeit auszuschließen. Während der eigentlichen Bremsphase mit hohen Verzögerungen können die Reifenreaktionen (wie Profilgeräusche oder Kratzgeräusche auf Schotter) wichtige Informationen über die Haftgrenze geben, denn schließlich ist eine Vollbremsung mit dem Motorrad immer eine Gratwanderung, die nur ein ABS entschärfen kann. Bereits bei den geringsten Anzeichen eines blockierenden Rades den Bremsdruck reduzieren, die Bremse allerdings nur auf rutschigem Untergrund vollständig öffnen.
Die verheerende Wirkung eines blockierenden Vorderrades besteht nicht nur in dem meist plötzlichen Zusammenbruch der Seitenführungskräfte am Vorderreifen, sondern auch in dem schlagartigen Wegfall des stabilisierenden Kreiseleffektes des nicht mehr drehenden Vorderrades.
Bei hohen Verzögerungen Überschlag vermeiden
Auf trockenem, griffigem Straßenbelag wird meist gegen Ende der Bremsung bei niedrigen Geschwindigkeiten das Hinterrad "sehr leicht" solange bis es abhebt. Dies gilt in besonderer Weise für Motorräder mit hohem Schwerpunkt und langen Federwegen (Enduros, Super-Motos).In dieser Situation, die vielfach zu spät erkannt und erspürt wird, den Bremsdruck geringfügig reduzieren. Wegen der meist niedrigen Geschwindigkeit verlängert sich der Bremsweg hierdurch nur wenig. Mit ansteigendem Hinterrad steigt auch der Schwerpunkt des Motorrades. Damit wird eine mögliche Überschlagtendenz verstärkt. Also, je früher dem steigenden Hinterrad entgegen gewirkt wird, um so unkritischer wird die Situation.
Unter Übungsbedingungen sind auf trockener Straße je nach Qualität von Reifen und Straßenbelag Geradeaus-Verzögerungen von bis zu 10 m/s² möglich, im realen Verkehrsgeschehen sind Verzögerungen um 8 bis 9 m/s² als hervorragende Werte zu sehen.
Beste Übungsmöglichkeit: Sicherheitstraining !!!
Die Komplexität dieser Zusammenhänge lässt sich am einfachsten im Rahmen eines Sicherheitstrainings auf abgesperrter Strecke erfahren. Das Ziel der Fahrübungen ist es, die Koordination der Wahrnehmungen und des eigenen Handelns soweit zu optimieren, dass ein echtes Sicherheitsgefühl entsteht. Der Fahrer soll erfahren, welch hohe Verzögerungen unter optimalen Bedingungen möglich sind. In extremen Verkehrssituationen kann er dann das gesamte Potential moderner Bremsen optimal nutzen. (Quelle:ADAC/Motorrad)
Wissenswerte Information zur Bremsdynamik des Motorrad.


LinkBack URL
About LinkBacks
PN

Lesezeichen