Motorradtest Honda XL 1000 V Varadero
Zweirad-Wohnung
Sie ist die schwergewichtigste Reiseenduro auf dem Markt und sollte eigentlich die Nachfolge der Africa Twin antreten. Doch die 1000er Varadero taugt mehr für eine komfortable Tour durch die Alpen als für den extremen Wüstentrip.
Text + Fotos: Andreas Hülsmann
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Gegen Ende der 90er Jahre war die Honda Varadero angetreten, die Nachfolgerin der Africa Twin zu werden. Doch unter den Liebhaber der Wüsten-Queen herrschte schon bei der ersten Präsentation Fassungslosigkeit, ja Entsetzen über das Dickschiff und ihr Niedergang wurde von vielen Twin Enthusiasten prophezeit, bevor die Varadero 1999 überhaupt auf den Markt kam. Nichts von den damaligen Untergangsszenarien hat sich bewahrheitet. Die große Reiseenduro von Honda hat sich in fast zehn Jahren ihren Platz im Tourenbereich erobert. Sicher, zwischenzeitlich gab es ein Tief bei den Verkaufzahlen, aber 2007 haben sich die Honda Techniker die Varadero vorgenommen und ein wenig aufgepeppt. Dabei blieb es nicht nur bei optischen Korrekturen wie ein spritzigeres Outfit, Alu-Motorschutz und neues Heckdesign, sondern auch der Motor wurde fit für die Euro-3-Norm gemacht.
Die Reiseenduro machte noch nie einen schlanken Eindruck und kann auch optisch ihr Gewicht von 277 Kilogramm nicht verbergen. Ein Wert, bei dem man schon rein gefühlsmäßig den Begriff Reiseenduro lieber gegen das Wort Tourer austauschen möchte. Denn die Vorstellung, eine solche Masse auf zwei Rädern über losen Untergrund und Unebenheiten zu bewegen, vermittelt nicht gerade ein behagliches Gefühl.
Schon ab den ersten Metern vermag die große Honda zu überraschen. Wo sind die 277 Kilogramm geblieben?
Vara3.jpgSchlank ist was anderes: Die Varadero kann ihr Gewicht von 277 Kilogramm zumindest optisch nicht so ganz verbergen. Die Koffer wirken sich da nicht unbedingt vorteilhaft aus.
Aber nehmen wir doch erst einmal Platz. Wow, so etwas nenne ich bequem. Der Sitz der Varadero versprüht die Gemütlichkeit eines Fernsehsessel. Er war 2007 Bestandteil der Modellmodifikation. Die Überarbeitung hat sich durchaus gelohnt. Ein derartiger Komfort lässt sich weder bei anderen Tourern, noch bei Enduros finden. Zudem gewährt die Sitzhöhe von 84 Zentimetern für beide Füße einen sicheren Stand und kommt auch nicht ganz so hochgewachsenen Fahrern entgegen.
Den Startknopf gedrückt und es geht los. Der Motor nimmt sofort die Arbeit auf und läuft schon nach wenigen Augenblicken rund. Schon ab den ersten Metern vermag die große Honda zu überraschen. Wo sind die 277 Kilogramm geblieben? Selbst bei geringer Geschwindigkeit überzeugt die Varadero durch ihr stabiles Fahrverhalten. Nur beim Lenkeinschlag bei langsamer Fahrt verlangt sie nach einer festen Hand am Lenker.
So richtig fängt der Spaß auf der Landstraße an. Das Getriebe ist ein Genuss. Akkurat lassen sich die Gänge einlegen. Nichts hakt, nichts schnarrt. Stets geschmeidig finden die Zahnradpaarungen zueinander. Angenehm kurz sind die Schaltwege. Die Kupplung, über einen Bowdenzug betätigt, verlangt wenig Kraft. Mit Leichtigkeit nimmt die Varadero die Kurven. Gleitet sanft in die Schräglage und ebenso sanft richtet sie sich wieder auf. Das Fahrwerk lässt sich durch nichts beunruhigen. Das gilt auch für zügige Fahrten auf der Autobahn. Trotz Koffer und Topcase bleibt alles stabil, selbst bei Geschwindigkeiten jenseits der 160 Stundenkilometer. Nur der Geräuschpegel steigt hinter der Verkleidung mit zunehmendem Tempo und nervt auf längeren Fahrten. Aber in diesem Fall hilft die Neujustierung der zweifach verstellbaren Windschutzscheibe, um die lästige Geräuschentwicklung abzumildern, denn der Lärmpegel ist eine Frage der Körpergröße. Jürgen Schons, Redakteur bei der Schwesterzeitschrift »Motorradfahrer«, war auf der Varadero für eine »B-Probe« unterwegs. Und siehe da, bei gleicher Scheibenhöhe empfand der 1,70 Meter große Redakteur den Sitzplatz hinter dem Windschutz fast als einen Ort der Ruhe.
Ebenfalls ein Ort der Ruhe ist der Motor. Er verrichtet seinen Dienst ohne große Vibrationen und übermäßige Geräuschentwicklung. Nur durch sein sonores Brummen macht das V2 Triebwerk auf sich aufmerksam. Der Fahrer kann ab 3.000 Touren in jedem Gang sicher sein, dass der Motor mit seinen 94 PS ohne Murren durchzieht. Nur wenn sich die Tachonadel in Richtung der 180 km/h-Marke be-wegt, wird es etwas zäh. Ab 5.500 /min lässt die Spritzigkeit der Varadero spürbar nach. Durch das Honda-eigene Abgasreinigungs-System HECS3 (Honda Evolution Catalyzer System), eine Kombination aus zwei Drei-Wege-Katalysatoren und einem Sekundärluftsystem, haben die Techniker den V2 Mo-tor auf die Euro 3 Norm vorbereitet.
Vara5.jpgDas Dual-CBS-Verbundbremssystem der XL 1000 V Varadero ist für 900 Euro Aufpreis optional mit ABS erhältlich. Auf der Straße kann die Verbundbremse überzeugen, und selbst auf losem Untergrund macht sie keine schlechte Figur.
Der Verbrauch ist mit durchschnittlich 6,2 Li-ter auf 100 Kilometer noch im akzeptablen Bereich, wenn man die Tatsache mit einbezieht, dass zu dem stolzen Gewicht, das es fortzubewegen gilt, zusätzlich noch zwei ausladende Koffer und ein Topcase mit zur Ausstattung der Varadero gehören. Damit niemand unterwegs mit Spritmangel liegen bleibt, macht eine Benzinanzeige auf diese Gefahr aufmerksam. Je nach Fahrweise erfolgt dieser Hinweise zwischen 340 und 360 Kilometer. Dann bleiben dem Fahrer noch rund 50 Kilometer, um eine Tankstelle zu finden. Bei einem Tankvolumen von 25 Litern ergibt sich somit eine Reichweite von knapp 400 Kilometer.
Die Varadero verführt zum Reisen, aber dazu braucht man das notwendige Zubehör. Zum einen bietet Honda für den Tourendampfer ein Travelpaket mit 45 Liter Topcase, zwei 35 Liter Seitenkoffer (gibt es auch als 29 Liter Variante), Heizgriffen und Hauptständer für 1.100 Euro an, das auch an der Testmaschine montiert war. Zudem gibt es auf dem Zubehörsektor Einiges an Ausrüstung für den großen Trip.
Leider lassen sich bei dem Honda Reise-Set Koffer und Topcase nicht mit dem Zündschlüssel schließen. Koffer und Topcase sind in der Farbe des Fahrzeuges erhältlich und bieten auch auf längeren Touren viel Platz fürs Gepäck. Ein echter Gewinn sind die Heizgriffe, die sich über einen Dreiwege-Schalter von der rechten Lenkerseite aus bedienen lassen und genügend Heizenergie aufbringen, damit bei kaltem Wetter die Finger sogar in Sommerhandschuhen nicht frieren.
Vara7.jpgAlles drin, alles dran: Auch das Cockpit stünde jeder großen Tourenmaschine gut zu Gesicht.
Was aber ist mit Ausritten ins Gelände? Schließlich wird die Varadero auf der Hompage von Honda unter Enduros geführt. Schon das angesprochene Gewicht von 277 Kilogramm und die Federwege von 155 Millimeter vorn und 145 Millimeter hinten sprechen nicht gerade für ausgiebige Touren abseits der Straße. Also gilt es, sich vorsichtig an die Sache heran zu tasten. Ein einfacher Schotterweg ist noch keine große Herausforderung für das Fahrwerk. Zumal das Dual-CBS-Verbundbremssystem, das für 900 Euro Aufpreis optional mit ABS erhältlich ist, auf losem Untergrund keine schlechte Figur macht. Hier kann nämlich bei Bedarf die Fußbremse schon mal voll betätigt werden, ohne dass das Vorderrad in den Regelbereich gelangt. Auf der Straße ist diese Verbundbremse aufgrund ihrer tadellosen Dosierbarkeit und der hohen Verzögerungswerte ohnehin über jeden Zweifel erhaben.
Auf unwegsamem Gelände gerät das Fahrwerk jedoch rasch an seine Grenzen: Zu hoch das Gewicht, zu kurz die Federwege, zu gering die Bodenfreiheit und zu straßenorientiert fällt die Serienbereifung aus. Kein Zweifel, der Asphalt ist die Welt der Varadero. Mit diesem Motorrad lassen sich zügig und bequem auch größere Distanzen zurücklegen. Zudem spricht für die Honda ihre hohe Alltagstauglichkeit, die, gepaart mit ihrem neutralen Kurvenverhalten, stets für ausreichende Unterhaltung sorgt.
Wer zu zweit auf Tour geht, ist mit der Varadero ebenfalls bestens bedient. Der Beifahrer findet auf dem Soziusplatz genug Bequemlichkeit, um auch längere Strecken am Stück locker zu überstehen. Etwas hinderlich für diese Zweisamkeit ist die Zuladung von lediglich 200 Kilo, die bei so manch einem Zweipersonenbetrieb nicht mehr viel Spielraum fürs Gepäck zulässt.
Für den Basispreis von 10.290 Euro wird man sich schwer tun, im Bereich der großen Reiseenduros ein vergleichbares Motorrad zu finden. Die Varadero ist zwar nicht die erste Wahl für den Wüstentrip, aber ein verdammt gutes Tourenmotorrad ist sie allemal. •
Vara4.jpgHonda bietet für den Tourendampfer ein Travelpaket mit 45 Liter Topcase, zwei 35 Liter Seitenkoffern (gibt es auch als 29 Liter Variante), Heizgriffen und Hauptständer für 1.100 Euro an, das auch an unserer Testmaschine montiert war. Zudem gibt es auf dem Zubehörsektor Einiges an Ausrüstung für den großen Trip.
Dieser Testbericht ist erschienen in MotorradABENTEUER, Heft 1/2009
Wir erweitern unser Test-Archiv ständig um die aktuellen Motorradmodelle. Wer sich einen Überblick über unser Angebot verschaffen will, wechsele zu allen Motorrad-Tests.
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