Das Finale versprach eine ganz enge Kiste zu werden. Enorm dicht und stark das Feld. Da wollten die Dolomiten nicht nachstehen und spendierten eine dramatische, großartige Kulisse zum Showdown.
Halb sieben morgens. Der erste, verschlafene Blick geht gen Himmel. Und schlagartig verpufft die Müdigkeit. Wo sich tagelang und auch noch am Abend vorher unablässig nieselnd fette Regenwolken drängten, prangt nun blauer Himmel. Der Startschuss für das Finale des Alpenmasters. Schnell die anderen wecken. Eine knappe halbe Stunde später steht die Mannschaft abmarschbereit bei den sechs Maschinen - den fünf Siegern der einzelnen Kategorien und der Titelverteidigerin CB 1300. Das Frühstück muss warten. Der Plan: Zusammen mit den Kollegen aus Spanien, Kroatien und Schweden geht es über fünf Pässe um die Sella-Gruppe herum. Jede Passhöhe wird zur Endstation für ein Bike, dort stimmen die Tester ab, wer aus dem Titelkampf ausscheidet - bis am Ende der Alpen-Master 2010 fest steht.
Los geht es, das Sellajoch hinauf, das sich zwischen Langkofel und Sella Gruppe auf über 2200 Meter hinauf schraubt. Erfrischend kühl von der Nacht steht noch die Luft in den Wäldern. Und noch ist Vorsicht geboten. Ständig wechselt der Belag, mal griffig rötlich, mal in den Kurven hell, blankpoliert und, weil noch teils feucht, tückisch rutschig. Was der CB 1300 in einer Biegung beinahe zum Verhängnis wird.
Der sehenswerte Quersteher auf der Anfahrt zum Passo di Sella endet jedoch nicht in zerknittertem Blech. Dafür aber in der Erkenntnis, dass sie wirklich bessere Reifen als den veralteten Dunlop D 220 verdient hätte. Je höher es hinauf geht, desto trockener werden die Straßen, Tempo und Laune steigen.
Das Sechserpack schraubt sich, dicht gedrängt, die Kehren hinauf zur Passhöhe, über die Baumgrenze hinaus. Selbstbewusst mischt die CBF 600 unter den dicken Pötten mit, macht fehlenden Dampf mit kinderleichtem Handling wett. Wedelt unbeschwert und munter mit den Großen um die Wette. Und Sergio Romero hat sichtlich Spaß, in den derben, verwinkelten Passagen die Großen zu jagen. Allein, der Motor muss mächtig gezwiebelt werden, um den Anschluss zu halten, wo die anderen das Drehmoment nur so locker aus den Zylindern schütteln.
So kommt, was kommen muss. Auf der Passhöhe fällt das Votum der Tester eindeutig aus: Als erste muss die kleine Honda die Segel streichen. Jerker Axelsson bringt es auf den Punkt. "Sie ist beim Dreh am Gasgriff wie eine Katze, die du am Schwanz packst: Sie schreit auf, aber nix passiert." "Das Fahrwerk ist superb ausbalanciert, aber nicht nur bei sportlicher Fahrweise muss bergauf oft der erste Gang weit ausgedreht werden", bestätigt Top-Tester Karsten Schwers. "Highsider fast unmöglich, selbst im Nassen gibt es fast nur Vollgas um überhaupt an den anderen dran bleiben zu können. Kann aber auch Spaß machen", grinst Sven. So bekommt sie zwar von allen Bestnoten für das Fahrwerk, die feinen Bremsen und die unbedingte Einsteiger-Tauglichkeit. Mit 4,1 Litern Verbrauch ist sie die sparsamste obendrein. Aber es hilft nix. Mit zwei zu vier Stimmen ist sie als erste draußen. Das Leben ist manchmal hart. Weiter geht es, bergab, in schnellen Bögen Richtung Kreuzboden und dann hinauf zum Grödner Joch. Vorbei an schroffen Felswänden, die wie riesige Festungsmauern aufragen.
Dass Power aber auch nicht alles ist, zeigt sich auf dem Grödner Joch. "Zwar jede Menge Leistung, aber für die Berge zu spitze Leistungscharakteristik. Und die Sitzposition ist hier zu sportlich", senkt Karsten den Daumen über der S 1000 RR. ABS und DTC sind zwar - besonders wenn der Asphalt mal wieder ansatzlos von griffig auf schmierig wechselt - eine echte Hilfe, aber selbst Ex-Racer Jerker Axelsson gibt kleinlaut zu: "Na ja, für die Berge einfach zu aggressiv." Das straffe Fahrwerk verlangt auf den buckeligen Passagen Nehmerqualitäten. Vor allem bergab. Man fühlt sich wie ein Zehnkämpfer auf Stöckelschuhen. Und mit Sozius-Komfort oder gar Gepäckunterbringung braucht man der BMW gar nicht erst zu kommen. Ist eben ein Vollblut-Racer.
Vier der sechs Tester stimmen gegen die BMW. Damit hat das stärkste Motorrad bereits an der zweiten Station Feierabend. Weiter geht es durch ein Talbecken Richtung Corvara, am Fuß des Sassongher-Massivs, dann weiter über St. Kassian, das direkt vor der imposanten Felswand der Cunturines-Spitze liegt. So der Plan. Aber noch einmal fallen die düsteren Regenwolken über uns her und öffnen nach allen Regeln der Kunst ihre Schleusen.
Jetzt sind Grip, lockere Sitzposition, fein und kontrolliert abrufbare Leistung gefragt. Und Rückmeldung von der Fahrbahn. R 1200 GS und CBF 1000 F rauschen selbstbewusst vorneweg. Sven auf der CB 1300 und Kristijan mit der GSX 1250 drosseln merklich das Tempo. Vor allem die Dunlop D 220 auf der CB 1300 und die Bridgestone BT 21 der Suzuki erweisen sich nicht gerade als begnadete Regentänzer. "Mensch, das ist doch die Gelegenheit, mal ne anständige Pause zu machen", knurrt Karsten. Spitzen-Idee. Zumal nicht nur die Mägen, sondern auch die Tanks leer sind. Und die Tankstellen haben ohnehin Mittagspause. Einige Portionen Pasta, Insalata und Espressi später sieht es draußen noch immer nach Weltuntergang aus. Der Versuch, die Maschinen mit Regenschirmen zu bestücken, wird erfolglos abgebrochen. Dann also im Regen weiter, hinauf zum Passo di Valparola. Auf der Passhöhe erinnert das alte österreichische Sperrfort Tre Sassi, jetzt ein Museum, daran, dass der Pass im ersten Weltkrieg Teil der Dolomitenfront war. Den Regen beeindruckt das wenig. Hier verabschiedet sich die Suzuki GSX 1250 F aus dem Wettstreit. Einstimmig. Die Fahrt hinauf zum 2192 Meter hohen Pass hat die Tester überzeugt: Der drehmomentstarke Motor ist zwar eine Wucht. Doch in Sachen Fahrwerk markiert die GSX das Schlusslicht der verbliebenen Vier.
"Sie will einfach nicht neutral einlenken, ständig stört ein Aufstellmoment", fasst Karsten zusammen. "Für das Vorderrad bekomme ich hier einfach kein Gefühl, und die Bremse ist echt stumpf", mault Jerker. Sergio und Kristijan nicken. "Außerdem habe ich das Gefühl, dass die Suzuki von Jahr zu Jahr schwerer wird, Honda zeigt, dass es viel einfacher geht", legt Kristijan nach. Damit ist es beschlossen: Zweimal Honda - CB 1300 und CBF 1000 F - sowie die BMW R 1200 GS bleiben übrig.
Auf dem Weg hinab Richtung Cortina d‘Ampezzo versiegen die Wolken. Endlich. Gerade rechtzeitig, um die weit geschwungenen wie die engen, trickreichen Biegungen hinauf zum Passo di Giau zu genießen. Weshalb die CB 1300 Titelverteidiger und noch immer im Rennen ist, wird spätestens hier klar. "Der kultivierte,extrem durchzugsstarke Motor, der macht‘s. Auch die Sitzposition, überdurchschnittlich gut", schwärmt Karsten. "Klasse Balance", "eine absolut positive Überraschung, jetzt verstehe ich, warum sie voriges Jahr gewonnen hat", sind auch Sergio und Jerker beeindruckt. "Ja, aber die größte Konkurrenz kommt aus dem eigenen Haus", gibt Kristijan zu bedenken. Eben. Die CBF 1000 F kommt zwar nicht an die fulminanten Durchzugswerte der CB 1300 heran, aber mit 160er-Hinterreifen, ausgesprochen überzeugenden Bridgestone BT 56, fein abgestimmten Federelementen und niedrigerem Gewicht fährt sie noch souveräner, geschmeidiger. Und die BMW ist der CB 1300 in puncto Handling und Fahrleistungen gar gewachsen. So muss sich der Titelverteidiger der R 1200 GS und der 1000er-CBF beugen, die auf dem Weg über Arabba und das Pordoijoch das Rennen unter sich ausmachen.
Das Pordoijoch, 33 Kehren innerhalb von acht Kilometern hinauf, auf der anderen Seite 27 Tornanti wieder hinab. Kurven, bis einem schwindelig wird. Und es bahnt sich eine ganz knappe Entscheidung an. Die Honda macht einfach eine klasse Figur, ist fast so kinderleicht zu fahren wie die CBF 600, hat aber genug Druck und ein feinfühliges ABS. "Die BMW ist für meinen Geschmack mit ihren langen Federwegen zu viel Enduro, zu viel Bewegung im Fahrwerk", gibt Sven aus der Sicht des Sportlers zu bedenken. Aber auch er muss anerkennen: "Beängstigend, wie schnell man damit fahren kann, vor allem im Regen." Die Metzeler Tourance sind eine Bank. Und alle, die es geruhsamer lieben, besonders Freunde mächtiger Motoren, freuen sich an dem ungemein durchzugsstarken, dennoch drehfreudigen Boxer. Dem komfortablen, gleichwohl stabilen Fahrwerk, das im Schulterschluss mit ABS, ESA und Traktionskontrolle enormes Vertrauen einflößt. Ob allein oder zu zweit, Asphalt oder Schotter, sie legt in der aktuellen Ausbaustufe überall die Messlatte ein Stückchen höher als die anderen. Dennoch wird es beim Abstimmen knapp.
Die Vorstellung der CBF war eben richtig stark. Doch letztlich geht aus dem Kopf-an-Kopf-Rennen die BMW mit vier zu zwei Stimmen als Sieger hervor. Die CB 1300 hat im Endspurt mit der GS einen würdigen Thronfolger gefunden.
BMW R1200GS.jpg
Sieger Alpenmasters 2010: BMW R 1200 GS
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