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Thema: Dampferfahrt oder Locomotive Breath

  1. #1
    Avatar von der alte Sack
    Gelöscht

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    Dampferfahrt oder Locomotive Breath

    ...Mittlerweile hatte ich sie im Griff. Die Goldwing......irgendwas um die 350 kg....Trockengewicht
    natürlich. Anfangs war das Handling etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem für Jemanden der bis
    dahin überwiegend Einzylinder-Enduros bevorzugt hatte. In einem Anfall geistiger Umnachtung,
    und nach einem Messebesuch (Motorradmesse natürlich)hatte ich beschlossen endlich ruhiger zu
    werden. Deutlich ruhiger nach Möglichkeit. Irgendwann muß es doch mal gut sein mit diesem
    Herumtoben auf Feldwegen und kleinen Sträßchen. So ein Monstertourer mit allen Schikanen...das
    beruhigt und ist auch was fürs Auge.

    Nun, es war ein schöner sonniger Tag und ich hatte eine neue Sozia. Brandneu und noch nicht
    ausgepackt. Die Fahrt ist gewissermaßen eine Entjungferung, denn Kerstin war zuvor noch nie auf
    einem Motorrad mitgefahren. Sie hatte nach eigener Aussage bisher immer Angst davor. Der
    bequeme Reisedampfer schien aber eine beruhigende Wirkung auf ängstliche Naturen
    auszustrahlen. Zufälligerweise hatte ich noch einen passenden Helm, und einer gemütlichen
    Ausfahrt schien somit nichts mehr im Wege zu stehen.
    Nachdem ich ihr hoch und heilig versprochen hatte eine gemäßigte Gangart einzuhalten, kletterte
    sie dann vorsichtig auf den rückwärtigen Fernsehsessel.

    Sehr behutsam und vorsichtig manövrierte ich das nun deutlich mehr als eine halbe Tonne wiegende
    Schlachtschiff durchs Dorf. Danach schön gemütlich durch Wald und Flur. Der sechszylindrige
    Boxer summte wie ein Staubsauger mit vollem Beutel, und Kerstin entspannte sich spürbar.
    Während wir so dahinglitten legte ich mir schon mal einen Aftertour-Plan zurecht. Meine
    entspannte Sozia war völlig ahnungslos und sollte es vorläufig auch bleiben. Schön anwärmen,
    danach zum gut kooperierenden Italiener und dann die bewährte "Kerzen und Rotwein" Nummer.
    Klappt fast immer. Zum Anwärmen gut geeignet schien mir heute meine Spezialkassette Nr.3.
    Beschaulicher Softrock, alles selbst zusammengestellt und erfolgreich erprobt.

    By yon bonnie banks
    and by yon bonnie braes
    where the suns shines on Loch Lomond
    where me and my true love spent many days
    on the banks of Loch Lomond...........
    Runrig gaben alles um meinen Abend zu einem Erfolg werden zu lassen. Ein extrem gefühlvoller
    Song...für Frauenohren jedenfalls. Ich drehte die geschwindigkeitsabhängigen Lautsprecher manuell
    etwas lauter.
    Goldwingfahren in seiner reinsten Form. Windgeschützt und perfekt stoßgedämpft durch die
    Landschaft gondeln und dabei Musik hören. da hätte ich auch früher draufkommen können. Aber
    besser spät als nie. Und überhaupt, diese blöde Heizerei bringt doch nichts. Nur gefährlich... und
    irgendwann ist man einfach aus dem Alter raus. Klare Sache, in Zukunft war beschauliches Touren
    angesagt.
    AC-DC übertönte plötzlich die sanften Schotten oder Iren. Neben uns, an der eigentlich völlig
    überflüssigen Ampel, stoppte ein Eisenhaufen aus Milwaukee. Der Kollege sah aus wie ein richtig
    böser Bube. Tätowierte Arme, Lederweste, Cowboystiefel.....ein echter Klappstuhl. Seine Maus
    allerdings war ein Mörderteil. Geschnürtes Lederoberteil mit viel Einblick. Der war überdies auch
    noch lohnend. Kurzer Lederrock...sehr kurzer Lederrock. Meine Güte....was für ein Schuss!
    You'll take the high road
    and I'll take the low road..........
    Runrig säuselte sein Paradestück plötzlich irgendwie völlig unpassend aus der Verkleidung heraus.

    Der harte metallische Sound aus den nachbarlichen Lautsprechern passte gut zu dem dumpfen
    Wummern des Steinzeit-V2. Der dröhnte sofort bei GELB richtig los, und die Ledermaus wippte
    mit dem gut verpackten Oberkörper weit zurück. Ich bemerkte ein eindeutig leicht arrogantes
    Lächeln auf den hübschen Gesichtszügen.
    Kerstin erstarrte ein wenig hinter mir. Ganz ehrlich...im direkten Vergleich... Marianne Rosenberg
    (alte Version) gegen Madonna. Aber wir wissen ja alle was aus der guten Marianne geworden ist.
    Es gab also noch Hoffnung.

    Während ich dem akustischen Umweltverschmutzer am hinteren Fender klebte wechselte ich
    schnell mit der linken Hand die Kassette aus. Kein Problem bei der Goldwing. Bei 50 in den fünften
    Gang...und die Kupplungshand ist arbeitslos.
    In the shuffelin madness
    of the locomotive breath
    runs the all-time loser
    headlong to his death.....
    Ian Anderson ...wie immer direkt ins Schwarze. Erst den Lautstärkeregler bis zum Anschlag, dann
    die linke Pfote an die Kupplung. Zweimal mit links zugetreten und der Antriebsstrang straffte sich.
    Das kurze heftige Wippen tockte Kerstins Helm gegen meinen. Meine Sozia umklammerte mich
    plötzlich mit ungeahnter Kraft. Ich jagte die zornig brummende Wing links an den Heavy-Metalls
    vorbei, und der einbeinige Anderson keuchte dabei laut und vernehmlich in seine teuflische
    Querflöte.
    He hears the silence howling
    no way to slow down........

    Das Dickschiff pfiff in ordentlicher Schräglage durch die langgezogene Kurve. Das trompetende
    Dröhnen der Harley wurde lauter. Sie schoben sich direkt neben uns, und der Tätowierte blickte
    kurz mit zusammengekniffenem Mund herüber. Ich zeigte ihm die Zähne unter der dunklen
    Sonnenbrille und knallte den Vierten rein. Die Wing wippt bei plötzlicher Volllast immer kurz wie
    eine Schiffschaukel, beruhigt sich aber sofort wieder. Kerstin entwickelt Anakondakräfte und
    strampelte ein wenig mit den Füßen auf ihren Trittbrettern.
    and the all-time winner
    has got him by the balls......

    Wir jagten im Parallelflug über die Landstraße auf eine Kreuzung zu. Die Ledermaus klammerte
    sich wie ihre Leidensgenossin eng um den Tätowierten. Immerhin waren wir auf der Vorfahrtstraße,
    deshalb blieb ich schön auf Drehzahl. Der Klappstuhl schwächelte leicht...vielleicht hatte aber sein
    Eisenhaufen auch nicht mehr drin. Die Luftschleppe der beiden Trümmer erzeugte einen Sog der
    die Büsche am Straßenrand zum Schwanken brachte.
    Ein völlig überraschter Fahrradfahrer geriet ebenfalls kurz in unseren Abgasstrahl und wankte
    bedrohlich. Im Rückspiegel konnte ich kurz erkennen dass er anhielt, wohl um seine Kappe
    aufzusammeln.
    the train it won't stopp going
    no way to slow down......
    Nun wurde es langsam kurviger auf der Strecke. Aber kein Problem. Wenn man rechtzeitig und
    kräftig genug den Anker wirft, wackelt das Schiff zwar ein wenig aber verzögert dabei ganz
    anständig. Das kannte Kerstin so noch nicht und schob mich ein wenig in Richtung des Tanks.
    Irgendwie noch mit zuviel Enduro-Gefühl kippte ich das Monstrum in die Schräglage, gleichzeitig
    trampelte ich durchs Getriebe um schön rausbeschleunigen zu können. Krachend und schleifend
    setzte irgendein Bauteil auf und schüttelte das Gefährt kurz durch. Voller Vertrauen aufs Material
    ließ ich die Kupplung schnell kommen, ein kurzes Blockieren des Hinterrads streckte die Fuhre
    wieder, kostete aber wertvolle Zehntelsekunden. Volles Beschleunigen bergauf schlägt bei voller
    Beladung immer die hinteren Dämpfer auf den Block. Ist eben so...da kann man nichts machen.
    Wenn sie das nicht ab kann, hätte sie eben kein Motorrad werden dürfen. Wir lagen klar vorne.
    Aber anstatt sich zu freuen schlug Kerstin mit beiden Fäusten schreiend auf mich ein. Immer cool
    bleiben Süße. Schneller geht es nun wirklich nicht mit dieser Kiste. Was hatte sie nur....? Versteh
    einer diese Frauen... erst die Ängstliche spielen ...und nun kriegt sie nicht genug.
    Irgendwas wie..Anhalten.. oder.. Wahnsinn ..verstand ich undeutlich während Jethro Tull noch ein
    letztes....no way to slow down...verkündete.
    Die Harley musste irgendwann abgebogen sein..jedenfalls konnte ich wieder das Cruiserprogramm
    aktivieren. Immerhin soll das doch ein beschaulicher Ausflug werden.
    Die Sache mit dem Italiener und dem Rotwein konnte ich mir allerdings an diesem Abend
    abschminken.
    Man muß auch ein wenig Verständnis aufbringen. Wenn man so das erste Mal mitfährt, dann ist
    man immer auch ein wenig aufgeregt nachher. Aber Kerstin schien einfach keinen Gefallen am
    gemütlichen Cruisen zu haben.
    Vielleicht wenn ich sie mal auf einer etwas sportlicheren mitnehmen würde.....auf einer "Q" vielleicht?

    © by kuhjote

  2. Die folgenden 7 Mitglieder sagen Danke zu der alte Sack für diesen nützlichen Beitrag.

    + Danksagungen Anzeigen/Ausblenden

    heikai (16.04.2010),Kaulemann (10.01.2010),Kitty (17.04.2010),sidecar (16.04.2010),Spargelreiter (16.04.2010),Tenshi (09.01.2010)

  3. #2
    Avatar von Monkey
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    einfach genial

    see you on the road
    Monkey


    Gibt es ein Leben nach dem Tod??
    Klau mein Bike und Du wirst es herausfinden.

  4. #3
    Avatar von Spargelreiter
    Gelöscht

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    Also doch lieber keine Goldwing - ist gebongt

  5. #4
    Avatar von Wotanhh666
    Schwarzfahrer

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    Jeder, der sonst etwas auch nur irgendwie handliches bewegt, sollte sich so ein Dickschiff mal schnappen und das Teil bewegen.

    Das war das Schlimmste, was ich jemals unter meinem kleinen Arsch hatte.
    Endlos viele Kilos, die einfach nicht so wollen, was sie sollen.

    Mir ein Rätsel, warum man sowas freiwillig fährt.
    Es ist besser zu verbrennen, als zu verblassen !

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